Hip- Hop und Kapitalismus

Diesen Samstag jährte sich der Geburtstag einer der einflussreichsten deutschen Denker der Moderne: Vor 200 Jahren kam Karl Marx in Trier auf die Welt und sollte mit seinen Ideen und Büchern, allen voran mit dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ und dem „Kapital“ die Grundlagen für die Weltideologie des Kommunismus legen. Marx beobachtete, dass die „Geschichte aller bisherigen Gesellschaft(en) (…) die Geschichte  von Klassenkämpfen“ war (Kommunistische Manifest). Die herrschende und besitzende Klasse, die Bourgeoisie, nutzt den (produktions-)mittellosen Arbeiter, auch Proletarier genannt, zur Erwirtschaftung weiterer Gewinne gnadenlos aus. Die Folge: Die Reichen werden immer reicher, während die Armen sich weiter verkaufen müssen und letztlich in ihrer Hamsterrad- Position vegetieren. Marx war damit einer der größten Vordenker der modernen Kapitalismuskritik.

Warum ist das nun aber überhaupt interessant, gerade für eine Musik- Szene und Lebenseinstellung wie Hip- Hop es nun mal darstellt? Nun weil Hip- Hop als Kultur, Kunst und Komsumgut wohl mehr mit dem Thema zusammenhängt, als es manchmal offenbar den Anschein macht. Gerade ein Blick auf die Historie und Entstehungsgeschichte des Hip- Hop zeigt dabei, wie schwierig Kapitalismus und Hip- Hop voneinander zu trennen sind.

Von der Gegenkultur zur Kulturindustrie

 

Begonnen hat alles in den Bronx in New York in den 70ern. Damals wie heute waren die Bronx ein von Armut und Kriminalität dominiertes Stadtviertel.  Hohe Arbeitslosigkeit, ausgrenzende und rassistische Ghettoisierung der schwarzen Bevölkerung und die damit einhergende Marginalisierung einer ganzen Generation Jugendlicher boten den Nährboden für die heute größte Jugendkultur der Welt. Zwischen den nicht beseitigten Ruinen des großen Bronx- Feuers von 1970 entwickelten die Jugendlichen aus alten Funk- und Soul- Platten und einfachen, gesprochenen Wortkombinationen  eine völlig neue Musikrichtung: Hip- Hop. Durch das tagtägliche Erleben von Ungerechtigkeiten und Unterdrückung sahen Hip- Hop- Pioniere wie DJ Kool Herc in ihrer Musik und den anderen drei Elementen (DJing, B-Boyin und Graffiti) eine Ausdrucksform, in der sie sich von ihrer Frustration befreien konnten. Durch ihre Kunst konnten sie sich beweisen, sich selbst organisieren und ein System schaffen, in dem sie sich fern von finanziellem Leistungsdruck entwickeln konnten. Hip- Hop als Kunstform stellte so einen Gegenentwurf zur wertorientierten Denkweise der USA und der restlichen westlichen Welt dar.  Doch mit dem anhaltenden Wachsen dieser emanzipatorischen Szene wuchs das Interesse von Plattenfirmen oder anderen Musikverlagen, die in dieser neuen Musikrichtung finanzielle Möglichkeiten entdeckten. Der Sellout begann.

Labels wie Bad Boys, Def- Jam, Death Row oder das heutige Young Money erkannten in der neuen Musik nämlich schnell ein marktwirtschaftliches Potential, dass natürlich genutzt werden musste. Denn diese neue Musik, dieser Hip- Hop, war frech,roh und sie war populär bei den vielen Jugendlichen, da sie rebellisch und anders war. Gerade bei der wohlhabenderen, weißen Jugend stoß die Musik auf großes Interesse.  Hip- Hop wurde so von der Musikindustrie erfasst und zu einem Marktprodukt aufgebaut, dass sich in den Musik- Mainstream integrierte. Und je erfolgreicher die Musik des Hip- Hop in den Charts war, desto populärer wurde sie und desto mehr Platten wurden verkauft. Ein gewinnbringender Teufelskreislauf. Die Musiker brachen mit den rebellischen Werten des Hip- Hop und die Kunst verlor ihren selbstbestimmten Wert und wurde von da an durch ihre Verkäufe definiert. Die Grund-Formel scheint einfach gestrickt zu sein: Pass dich an und du gewinnst. Widersetze dich und du bleibst ein niemand.

grandmaster flash
Grandmaster Flash and the Furious Five

Aber nicht nur, dass durch diese Vereinnahmung die der Wert der Kunst durch Dollar aufgewogen werden kann, auch die Künstler an sich wurden durch die Verkommerzialisierung angepasst. Während die Gründungs- Era- Musiker des Hip- Hop wie Run- D.M.C, Grandmaster Flash oder Kurtis Blow zwischen 1970 und 1980 noch sehr durch Funk- Charakteristika geprägt waren, so änderte die Musikindustrie das Image des Rappers sehr stark in den 1990ern und 2000er Jahren. Gefragt waren harte, gewalthaltige Texte, die über das raue Leben erzählten, im besten Fall ohne politische Inhalte. Das Stereotyp des knallharten Gangsters dominierte fortan das Bild des Rappers. Die Musik wurde düsterer und frauenfeindliche und homophobe Texte populärer. Und damit waren die Musiker einmal mehr gezwungen, sich an die Forderungen des Mainstream anzupassen um Erfolg haben zu können. Auch wenn die Rapper auf dem Papier als rebellische und laute Künstler durchgingen, so war diese „Rebellion“ von der Musikindustrie bewusst erlaubt und gewünscht. Das Künstler wie Ice T, Public Enemy, N.W.A oder auch 2Pac und The Notorious B.I.G. während dieser Zeit die Hip- Hop- Charts dominierten, ist dabei nicht verwunderlich. Gerade letzterer schaffte es, mit dem Label Bad Boy Records sich und seine Musik im Mainstream zu platzieren.

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Dieses Prinzip blieb bis in die 2000er Jahre bestehen, sollte sich aber gerade mit Beginn der 2010er ändern. Das klassische Verwertungssystem des Musiklabels wurd mit der Zeit immer unpopulärer, mit Aufstieg des Internets haben die Künstler selbst die Möglichkeit sich der Welt vorzustellen. Internetphänomene wie die aktuelle Soundcloud- Generation brauchen keine großen Labels im Rücken, die für sie Promotion betreiben. Es reicht ein Smartphone und ein gut funktionierendes „Soziales Netzwerk“. Und genau hier ist Hip- Hop immer noch den Regeln des Konsums unterworfen. Denn es trendet das, was die Leute hören wollen. Und so muss man sich doch wieder verkaufen. Seien es die Themen, das Aussehen oder die musikalische Stilrichtung. Es wird das produziert, was im digitalen Regal gut ankommt.

Nun kann man natürlich den jungen Künstlern von damals und heute den Vorwurf stellen, dass sie sich und ihre Kultur verkauft haben. Doch gerade deren im ersten Abschnitt beleuchteter Hintergrund erklärt das Verhalten. Aufgewachsen in Armut und Elend kämpften diese jungen Menschen jeden Tag gegen Hunger und Tod. Durch ihre prekäre Situation war dieser Überlebenskampf die oberste Maxime. Somit ist es nicht verwunderlich, dass ein Plattenvertrag wie die Rettung aus dem Leid erscheint. Genau wie der Proletarier bei Marx scheint der Rapper gezwungen zu sein, sich für den Lohn unterjochen zu lassen, um ein Teil des Gewinns zu kriegen, gerade genug um sich selbst zu erhalten. Und so ist es vielerorts bis heute.

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Ist das alles denn wirklich so schlimm? Oder bin ich nicht vielmehr ein verklärter Head, der im Studium ein bisschen zu viel Marx und Adorno/Horkheimer abbekommen hat? Die Antworten sind nein und vielleicht ein kleines bisschen.

Denn betrachtet man es mal von der anderen Seite, so muss man akzeptieren, dass viele dieser Künstler niemals bekannt geworden wären, hätte ein Label sie nicht entdeckt und gefördert. Ein 2Pac wäre niemals so groß geworden ohne Death Row, davon muss man ausgehen.

Auch könnten diese Künstler niemals so lange Musik machen, wenn sie keinen finanziellen Gewinn aus ihrer Musik erzielen würden. Die Kosten für Equipment, Studio, Crew, Vertrieb. Dies alleine zu tragen war eine sehr lange Zeit lang unmöglich. Gerade für Rapper aus sozialen Brennpunkten. Plattenverträge ermöglichten es den Künstlern ihren Traum zu leben.

Ebenso wären unterschiedliche Styles wahrscheinlich nicht so populär geworden ohne die landesweite Vermarktung der jeweiligen Musikrichtungen. Hip- Hop hätte sich soundtechnisch wohl niemals so entwickeln können, wie er es aktuell tut. Und er hätte sich niemals so global verbreitet!

Außerdem ist das bisher gezeichnete Bild zugegebenermaßen recht pessimistisch. Die genannten Künstler sind allesamt Legenden im Hip- Hop, die sich durch ihre Persönlichkeiten und durch ihre grandiose Musik in die Köpfe der Menschen gespielt haben. Durch die Verkäufe konnten sie sich aus ihrer Situation befreien und das Elend hinter sich lassen. Diese Argumente können den Sellout- Vorwurf dennoch nicht vollends entkräften. Denn dieser gehört zu der Musik wie die Bronx zu New York. Es wird immer Künstler geben, die ihre Musik an den Profit orientieren. Dennoch ist es wichtig, dieses strukturelle Vorgehen aufzuzeigen und zu enttarnen. Dazu reicht in der Regel ein Blick auf die jeweiligen Charts einer Epoche. Guckt man sich zum Beispiel die aktuellen Charts in Deutschland an, so findet man meiner Meinung nach einen Beweis dafür, wie stark und erfolgreich der Prozess der Anpassung an die Marktlogik funktioniert. Es wird der stets gleiche Vibe transportiert, die gleichen Themen bedient und dargelegt, wie wenig auf Inhalte geachtet wird oder geachtet werden muss. Zugegeben, ich bin kein Fan von Autotune- Missbrauch, schlecht produzierten Trap- Beats oder starkem Einsatz von Wiederholungen. Nicht weil ich die Musik per se schlecht finde, sondern das Motiv dahinter ablehne. Denn es geht meiner Auffassung nach dabei meistens nicht darum, dass wie beispielsweise bei einem Sänger wie Trettmann diese Elemente zum Stil dazugehören, sondern sie genutzt werden um in das erfolgsversprechende Profil zu passen.

Ein Aspekt wurde dabei bisher vollkommen unterschlagen, nämlich das diese Vermarktungsform natürlich auch Kritiker hat. Seit Hip- Hop vom Mainstream aufgegriffen und angepasst wurde, gab es Künstler die sich in ihrer Musik mit diesem Prozess beschäftigten. Politischer Rap oder Conscious Rap erkannte die zugrundeliegenden Strukturen im Hip- Hop- Business und versucht sich bis heute von diesen fern zu halten. Rapper wie Mos Def, Common, Rakim, Talib Kwali, Joey Bada$$ oder andere Untergrundrapper thematisieren in ihren Liedern immer wieder die Problematiken des Ausverkaufs und die sozialen Probleme, die das kapitalistische Gesamtsystem verursacht.

Kommen wir zurück zu Marx. Die Kapitalismuskritik und die Geschichte der Ausbeutung in den Gesellschaften findet sich stark im Hip- Hop wieder. Als ursprüngliche Gegenkultur erfunden, ist Hip- Hop heute nicht mehr aus dem Mainstream und auch aus der Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Sei es Kleidung, Graffiti, Tanz oder eben die Musik. Hip- Hop ist omnipräsent. Das diese Präsenz durch berechnendes Kalkül der Industrie erzeugt wird, ist dabei allerdings nicht so präsent in den Köpfen, weshalb das stetige Hinterfragen wichtig ist. Es geht nicht darum Musiker zu diffamieren oder ihre Kunst zu verachten, sondern die dahinterliegenden Strukturen zu erkennen und zu realisieren, dass vermeintlich frei gewählte Stilmittel oft einfach nur eine bloße Komponente für den finanziellen Erfolg darstellen. Denn letztlich befinden sich diese in einem Kreislauf, der nur schwer zu durchbrechen ist. Seien es US- Stars wie Drake, die Migos, Lil Pump oder deutsche Chart- Rapper wie RIN, Bausa oder Ufo361, sie alle bedienen das, was ihre Urväter einst so stark ablehnten. Ob Marx sie hören würde? Uuh, Ich weiß nicht.

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